Als Kuratoren des diesjährigen Open Studio Day konnte die VIENNA ART WEEK Mario Codognato, Franz Thalmair und ­Daniela Zyman gewinnen. In ihren Statements zum Kunststandort Wien erwähnen sie verpasste Chancen ebenso wie Lücken, die wichtige Institutionen wie die Generali Foundation oder die BAWAG P.S.K. Contemporary hinterlassen haben.
Auch wenn die Folgen von deren Schließung beziehungsweise Abwanderung noch nicht absehbar sind: Alle drei Kuratoren zeigen sich einig, dass sich die Stadt mit ihren Künstlerinnen und Künstlern, Galerien, Museen, Sammlern und nicht zuletzt den vielen selbstorganisierten Kunsträumen zu einem bedeutenden europäischen Schauplatz für zeitgenössische Kunst entwickelt hat.

»Enorme Anziehungskraft«
Mario Codognato, Chefkurator 21er Haus

Wie sehen Sie die Entwicklungen, die in Wien in den letzten Jahren stattgefunden haben?
Mario Codognato: Da ich noch nicht so lange in Wien arbeite und lebe, kann ich das nur bedingt beurteilen. Mein Eindruck ist aber, dass sich Wiens Angebot im Bereich der zeitgenössischen Kunst in den letzten Jahren verbessert hat, dass es größer und internationaler wurde.

Wo steht Wien für Sie derzeit im internationalen Vergleich?
Mario Codognato: Wie alle Städte mit einer glanzvollen Vergangenheit, aber nicht minder glanzvoller Gegenwart und Zukunft kann Wien unterschiedliche Rollen einnehmen.
Ich denke, dass dies auch künftig eine große Chance für Wien bedeutet. Denn Geschichte ist für die Interpretation der Gegenwart unabdingbar – und Wien verkörpert gleichermaßen Vergangenheit wie Zukunft. Was die Kunstszene im engeren Sinne betrifft, ist Wien im Verhältnis zu seiner Größe äußerst lebendig – mit unzähligen Künstlern, Institutionen, Galerien und Sammlern von internationalem Rang. In meinen Augen ist Wien ein europäisches Kunstzentrum mit enormer Anziehungskraft.

Wo gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten?
Mario Codognato: Eine engere Zusammenarbeit zwischen den Institutionen, die sich der zeitgenössischen Kunst programmatisch widmen, würde Wahrnehmung und Sichtbarkeit Wiens im Ausland stark verbessern. Zurzeit werden die hier realisierten Projekte und die in Wien stattfindenden Events – und davon gibt es viele, auch auf höchstem Niveau – von der internationalen Öffentlichkeit nur bedingt registriert. Dass Initiativen und Eröffnungen aufeinander abgestimmt werden, kommt selten vor – und das macht es schwierig, dem Publikum außerhalb Wiens ein in sich schlüssiges Programm zu bieten.

»Im besten Sinn langweilig«
Franz Thalmair, freier Kurator

Wie sehen Sie die Entwicklungen, die in Wien in den letzten Jahren stattgefunden haben?
Franz Thalmair: Wien ist beweglicher geworden. Vor allem die Arbeit freier Kulturproduzenten und die vielen temporär angelegten Kunstschauplätze fordern nicht zuletzt auch die Institutionen heraus, sich mit dem Hier und Jetzt auseinanderzusetzen. Diese Szene spricht nicht länger aus dem »Off«, sondern artikuliert sich parallel zu bestehenden Programmen.
Bedauerlich ist hingegen, dass sich in den vergangenen Jahren bei den mittelgroßen Ausstellungshäusern ein ziemliches Loch aufgetan hat. Die Schließung von BAWAG P.S.K. Contemporary und die Abwanderung der Generali Foundation nach Salzburg sind ohne viel Aufhebens einfach hingenommen worden. Hier bräuchte es definitiv mehr Widerspruchsgeist!

Wo steht Wien für Sie derzeit im internationalen Vergleich?
Franz Thalmair: Wien hat viel für Kunstschaffende zu bieten und kann mit vergleichbar großen Städten wie Zürich, München oder Barcelona durchaus mithalten: fokussierte Ausbildungsstätten, vielfältige Institutionen, eine lebhafte Szene. Dennoch ist die Stadt im besten Sinn des Wortes langweilig. Als Kunstschaffender hat man hier die Möglichkeit, ohne Druck konzen­triert zu arbeiten, sich auch einmal treiben zu lassen und dem aus meiner Sicht für künstlerische Prozesse notwendigen Ennui zu frönen. Solange einem der Blick nach außen nicht abhanden kommt …

Wo gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten?
Franz Thalmair: Um dem Dilemma von »weltberühmt in Österreich« zu entgehen, sollten jüngere Künstlerinnen und Künstler verstärkt im Ausland sichtbar gemacht werden – nicht nur als Einzelpersonen und schon gar nicht unter dem obsoleten Motto »lebt und arbeitet in …«, sondern unter thematischen Gesichtspunkten. So könnten nicht nur die Protagonisten der hiesigen Szene ihr Profil außerhalb der Landesgrenzen schärfen, sondern auch Wien als Stadt, die für spezifische künstlerische Handlungsfelder und Diskurse steht.

»Pluralistisch, heterogen, konformistischer«
Daniela Zyman, Chefkuratorin Thyssen-Bornemisza Art Contemporary

Wie sehen Sie die Entwicklungen, die in Wien in den letzten Jahren stattgefunden haben?
Daniela Zyman: Wien als Standort der zeitgenössischen Kunst hat sich in den letzten Jahren, vielmehr noch Jahrzehnten enorm verändert. Jede Dekade hatte ihre Besonderheiten, Reize und Herausforderungen. Die 1990er-Jahre waren die markanteste Zeit – der Fall des Eisernen Vorhangs, die Goldgräberstimmung, die Institutionen, die aus dem eiskalten Winterschlaf erwachten: Generali Foundation, Secession, MAK, museum in progress, die Angewandte, Festwochenausstellungen, Depot. Roh, spannend, umstritten. Viele kamen von auswärts, um das zu sehen. Danach die verpassten Chancen vielleicht. Was hätte damals eine Biennale mit Blick auf den Osten, Süden oder mit globalem Anspruch bewirkt? Rückwirkend schwer zu sagen, aber die Voraussetzungen dafür waren da.

Wo steht Wien für Sie derzeit im internationalen Vergleich?
Daniela Zyman: Das Wien der letzten Jahre ist pluralistisch, heterogen, aber auch konformistischer geworden. Gleichschaltung vielleicht, so etwas wie »the international style of museum culture«. Das begann in den Nullerjahren: Messen, Biennalen, Eventkultur. Die Menge bewegt sich mit Großevents, und diese bringen Bedeutung, Außenwirkung und Besuch mit sich.

Wo gibt es Verbesserungsmöglichkeiten?
Daniela Zyman: Niemand kann derzeit ermessen, wie groß der Verlust von beispielweise Generali Foundation oder BAWAG P.S.K. Contemporary sein wird – wenn Leitinstitutionen aufgeben werden oder den Kurs wechseln, wenn die Behauptungskraft von Institutionen ihre Wirkung einbüßt.